Weimar, 9. Juni 1776

Jakob Michael Reinhold Lenz an Johann Gottfried von Herder (⁠ ⁠Bückeburg⁠ ⁠)
W. d. 9ten Junius 1776.
Lieber Herder! ich habe von dem Präsidenten Linker gehört, daß die Vokation Dir schon zugeschickt worden und man Dich aufs späteste auf Johannis hier erwartete. Wird also hoff ich es mir noch gewährt werden Dich und Dein Weib und Deinen Sohn in Weymar zu sehen und bedarf es keiner Reise.
Ich habe Deiner Fabeln etliche Wielanden gegeben, etliche dem Herzog gewiesen, der mir sie aus der Hand riß und sie für sich insgeheim abschreiben ließ, zu gleich mich bat das bey Dir zu entschuldigen und Dir zu versichern daß sonst niemand sie zu sehen bekommen würde. – Deine älteste Urkunde habe auch erhalten vermutlich von Dir und noch zu wenig darin gelesen ohne um darüber was erträgliches wiederhallen zu können – das übrige reden wir mündlich
Möge Glückseeligkeit von oben herab Dich umathmen und Dich bald herüber zu uns wehen. Was soll ich Deiner Frau sagen, dem Engel der sich wohl nicht vermuthet wie sehr seine freundliche lichthelle Vorstellung von mir hintergangen werden wird. Sey es. Vor einigen Monathen war ich freylich in glüklicherer Stimmung aber mein Herz bleibt dennoch dasselbe Taub zwar itzt für die ganze Natur, ein hinschwindender Schatten, nicht einmal der Reminiscensen fähig. Komm bald
Lenz
Außenseite des zum Umschlag gefalteten Bogens:
Herrn
Herrn Herder
Consistorialrath
in
Bückeburg.

Provenienz

Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv, GSA 44/69, Bl. 16–17. Handschriftlicher Vermerk auf dem Umschlag „franco. Francfort.“ und „6 gl.“; roter Siegelrest.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Weimar, an Johann Gottfried von Herder, Bückeburg, 09.06.1776, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/194/]