St. Petersburg, April 1780

Jakob Michael Reinhold Lenz an Friedrich David Lenz und Freifrau von Vietinghoff (⁠ ⁠Dorpat [Tartu]⁠ ⁠)
Hochwolgeborne Freyfrau
Gnädige Frau!
In wievielen Rücksichten Ew. Exzellenz durch einen Schritt, der mir die zum Dank angesetzte Feder kraftlos aus der Hand stürzt, durch Hochdero großmüthige Vermittlung bey meinem Gesuch in Petersburg, die Herzen einer ganzen Familie von den beängstendsten Sorgen entlastet, wird Ihnen Ihr eigenes Herz am besten zu ahnden geben. Es war diesmal nicht das Gesuch allein sondern noch viele andere Mißverständnisse und Besorgnisse, die sich dadurch wie durch Dazwischenkunft der Sonnenstralen bey trüben Wolken aufgeheitert. Dieser Schritt ist ganz der grossen Seele würdig die das verworrenste Anliegen jedes Hülfsbedürftigen mit eben dem treffenden Blick durchschaut, mit eben der schnellen Großmuth ihm zuvorzukommen eilt, mit der sie schon in wichtigern Fällen der Gottheit nachzuahmen gelernet. Geniessen Ew. Excellenz dieser Zufriedenheit die sich selbst allein belohnen kann und erlauben einem Beglückten, durch das Studium von Handlungen der Art sein eigenes Herz zu verbessern und der Ehrerbietung freyen Lauf zu lassen, mit der er sich unter Ew. Exzellenz Clienten rechnet als
Hochwolgeborne Freyfrau
Gnädige Frau
Eurer Excellenz
unterthänigen und gehorsamsten Diener und Verehrer
J. M. R. Lenz.
JMRLenz

Provenienz

Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 23. Der Brief an den Bruder steht am Rand der verso-Seite einer von Lenz selbst angefertigten Kopie seines Briefes an Freifrau von Vietinghoff. Einlage an Christian David Lenz nicht ermittelt.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, St. Petersburg, an Friedrich David Lenz und Freifrau von Vietinghoff, Dorpat [Tartu], April 1780, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/335/]