Weimar, April 1776

Jakob Michael Reinhold Lenz an Friedrich Leopold Graf Stolberg (⁠ ⁠Kopenhagen⁠ ⁠)
Brief von Lenzen an Grafen
Friedrich Leopold von Stollberg.
Wundern Sie sich nicht bester Graf! statt einer geschriebenen eine gedruckte Antwort von mir zu erhalten? Sie werden begierig seyn zu wissen, wie Wieland mich empfangen hat, Wieland der einzige unter allen Menschen den ich vorsetzlich und öffentlich beleidigt habe. Sehen Sie da, ob sein Benehmen gegen mich nicht des menschenfreundlichsten Philosophen würdig ist. Als ich ihn das erstemal sahe, machte die zutrauenvolle vergnügte Bewegung, mit der er mich grüßte, mich schon wirre; es war, als ob’s ihm jemand gesagt hätte, ich sey um seinetwillen gekommen, obschon wir uns nur auf der Strasse antraffen. Wir speisten den ersten Abend am dritten Ort zusammen, es fiel kein Wort von dem Vergangenen vor und unser Gespräch ward so herzlich und munter ja als es später gegen die Nacht kam so freundschaftlich als ob wir Jahre lang in dem besten Vernehmen bey einander gewohnet. Diese Amnistie hat er bey allen Gelegenheiten so unverbrüchlich beobachtet, daß er sogar bey Hofe, wo er am ersten Gelegenheit gehabt mich durch feine Vorwürfe aus der Fassung zu bringen und wo ich die Dreistigkeit soweit trieb ihm über einige Stellen seiner komischen Gedichte meine Bedenklichkeiten zu sagen er mich mit der größten Sanftmut und Ernst zu recht wieß und mir über verschiedene Dinge Aufschlüsse gab die ich nebst dem was ich durch weiteres Nachdenken darüber herausgebracht Ihnen mittheilen will.
In der That bester Freund ist ein wesentlicher Unterscheid unter einem schlüpfrigen und einem komischen Gedicht, wie z. E. Wielands Erzehlungen und Ritter Romane sind. In den ersten werden die Unordnungen der Gesellschaft ohne Zurückhaltung mit bachantischer Frechheit gefeyert und ihnen daß ich so sagen mag Altäre gesetzt wie Voltäre und Piron thaten, in diesen werden die Schwachheiten und Thorheiten der Menschen mit dem Licht der Wahrheit beleuchtet und (wie könnte ein Philosoph sie würdiger straffen) dem Gelächter weiserer Menschen Preiß gegeben. Mich deucht der Unterschied ist sehr kenntbar und nur Leidenschaft konnte mich bisher blenden ihn nicht zu sehen.
Man wirft ihm vor daß seine komischen Erzehlungen zu reitzend, gewisse Scenen darinn zu ausgemahlt sind. Ein besonderer Vorwurf. Eben darinn bestand sein größtes Verdienst und der höchste Reitz seiner Gemählde ist der ächteste Probierstein für die Tugend seiner Leser. Tugend ohne Wiederstand ist keine, so wenig als einer sich rühmen darf, reiten zu können, wenn er nie auf etwas anderm als einem Karrengaul Packpferde gekommen ist. Eine solche furchtsame träge ohnmächtige Tugend ist bey der ersten Versuchung geliefert. Will also einer an diesem Eckstein sich den Kopf zerschellen, anstatt sich an ihm aufzurichten, so thut er’s auf seine Gefahr. Dasselbe würde ihm bey der ersten schönen Frau begegnet seyn; darf er deßwegen den Schöpfer lästern der sie gemacht hat? Setzen wir diese nun auch in hundert noch reitzendere Verhältnisse; der Reine dem alles rein ist und der seinen Entschluß und seine Hofnungen unwandelbar im Busen fühlt, wird wenn wir sie zu hunderten gruppirten, mit der Trunkenheit eines Kunstliebhabers wie unter Griechischen Statuen bey ihnen vorbeygehn, ohne einen Augenblick zu vergessen, daß nur eine ihn glücklich machen kann. Ueberhaupt schweigt der thierische Trieb je höher wir die Reitze auch der körperlichen Schönheit spannen und verliert sich unvermerkt in die seelige Unruhe und Wonne der Brust des Busens des Herzens das alsdenn von neuen menschenwürdigem entzückungsvollen entzückendern Gefühlen geht schwillt wohin ihn Wieland an hundert Stellen seiner komischen Gedichte so geschickt hat hinaufzubegleiten wußte. Welche Wohlthat er dem menschlichen Geschlecht dadurch erwiesen, wird ihm erst die Nachwelt danken: falls seine Gedichte etwa nicht unglücklicherweise anders gelesen werden sollten als er sie gelesen haben will.
Sollten Sie nun vollends diesen Mann in seinen häuslichen Verhältnissen wie ich fast täglich zu sehen Gelegenheit haben, wie er ganz Zärtlichkeit gegen seine Gattin und Kinder ist, deren feurige Augen die treflichste beste Wiederlegung aller derer sind, die jemals in seinen Gedichten schlüpfrige Stellen gefunden oder daraus nachtheilige Schlüsse auf seine Sitten gemacht, sollten Sie sehen wie aufmerksam und nachgebend er jeden gegen Schatten von Verdienst, wie bescheiden obwohl immer gerecht gegen sich selbst, wie entfernt von allen Anmassungen und Foderungen an andere, wie beynahe zu nachlässig für seinen Ruhm und die Erhaltung desselben, wo ihn nicht die äusserste Noth dazu zwingt (daher auch alle die falschen Lichter kommen, unter denen er sich bisher immer entfernten Personen gewiesen) wie eyfrig und emsig das Gute zu befördern wo und wie er kann: so würden Sie sich nicht wundern daß ich, der weder von Schriftstellern noch vom Publikum etwas zu erwarten hat, einem ohne mich schon berühmten Manne den Hof mache, ich der mit eben der Unbefangenheit Sorgloosigkeit in meinem Haß und in meinen Unarten gegen ihn fortgefahren wäre wenn mein Herz nicht mich erinnert hätte. Ich wünschte sehr noch solange hier

Provenienz

Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 14. Es handelt sich um den dritten von drei Entwürfen eines öffentlichen Briefs.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Weimar, an Friedrich Leopold Graf Stolberg, Kopenhagen, April 1776, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/167/]