Emmendingen, 13. Dezember 1776

Jakob Michael Reinhold Lenz an Isaak Haffner (⁠ ⁠Straßburg⁠ ⁠)
Lieber Hafner! wenn Du oder Herr Otto unter euren Pappieren etwas habt, dessen Bekanntmachung ihr wünschtet (vorausgesetzt daß es eurem eigenen höchsten Ideal von dem entspricht, was über die Sache gesagt werden könne
so dürft ihrs nur mit einem Briefe gerade an Wieland begleiten (Herrn Hofrath Wieland zu Weymar) er macht sich eine Freude daraus alles zu befördern was im Elsaß Aufmerksamkeit verdient. Euer Zutrauen zu ihm kann unbegrenzt seyn, trauet dieses einem zu, der ihn gesehen, und nicht aus litterarischpolitischen Absichten sein Freund worden ist.
Eine Kleinigkeit um die ich euch aber bitten will insofern ich euch nach unserer alten Freundschaft und als geborne Teutsche ansehe. Diese wäre, aus Gefälligkeit gegen Wieland den Namen unsers Vaterlandes künftig hin nicht mit einem weichen D. sondern mit einem harten T zu schreiben. Ich habe seine Gründe drüber gehört und mich aus eigner Willkühr entschlossen dem alten Schulmeister Gottsched zum Trotz und einem Mann wie Wieland zu Liebe mein Vaterland nicht mehr zu beschimpfen wenn ich es von Deut einem Niedersächsischen Wort das: eine Nichtswürdigkeit“ bedeutet herleite, da unser Stifter Teut hieß und die älteste Schreibart diese kleine aber liebenswürdige Grille Wielands rechtfertigt.
Wenn jemand Recht hat, Brüder! wer wollte einen Augenblick anstehen ihm Recht zu geben.
Solltet ihr sonst jemand wissen, der nicht aus Eigennutz, sondern aus inniger Liebe zur lautersten Ehre, aus Begierde den Edelsten unsers Vaterlandes auf eine edle Art bekannt zu werden, etwas das dem Elsaß Ehre machte, in den Merkur wollte rücken lassen, der es auf die geschwindeste und einzig mögliche Art an unsern Höfen und in unsern besten Gesellschaften bekannt macht, so werdt ihr mir einen Gefallen thun, mir Nachrichten von ihm zu geben, damit ich meine Einladung an ihn selber wenden könne. Adressirt die Briefe nur: an Herrn Hofrath Schlosser in Emmedingen, abzugeben an Herrn Lenz.
Wenn Du zu Herrn von Türkheim gehst so mach ihm von mir viele der schönsten Empfehlungen, nicht bloß wie sie seine persöhnlichen Liebenswürdigkeiten, sondern hauptsächlich seine patriotische Wärme für seine Vaterstadt verdienen. Melde mir welch einen Gang der Bürgerfreund und die Teutsche und Französische Gesellschaft in seinem Hause nehmen. Herrn Blessig empfiel mich gleichfalls und schreib mir von seinen Neuigkeiten. Ein Gleiches bitte den Herren Ramond und Matthieu zu thun wovon ich dem erstren Glückwünschen lasse falls er schon abgestiegen ist von seinem hölzernen Pferde. Vermuthlich wirst Du bald hinaufsteigen und dann einen glücklichen Ritt.
E. den 13ten.
L.
Außenseite des zum Umschlag gefalteten Bogens:
Herrn
Herrn Hafner
Candidaten der Theologie
zu Strasburg
gegenüber der neuen Kirche

Provenienz

Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 12.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Emmendingen, an Isaak Haffner, Straßburg, 13.12.1776, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/267/]