St. Petersburg, 10. April 1781

Jakob Michael Reinhold Lenz an Friedrich David Lenz (⁠ ⁠Dorpat [Tartu]⁠ ⁠)
Liebster Bruder
Eben komme ich dazu, an Dich zu schreiben, mehr um Dich und meine Freunde über mein Schiksal zu orientiren, als um ausführliche Nachrichten zu geben, die Du jetzt nicht von mir erwarten wirst. Ich habe das Glük gehabt, durch die Gnade des Hofes und meines theuresten Großfürsten dem Hause des Hn. Vizepräsidenten v. Böhmer vorgestellt zu werden, mit welchem sich jetzt der Ambassador v. Portugall verbindet, welcher eine der Fräuleins heurathet. Auch bin ich einer Englischen Dame von der Verwandtschaft des Hn. Kabinetssekr. vorgestellt worden, die eine Gesellschaftsdame des englischen Ministers ist. So fangen sich meine Bekanntschaften an ein wenig zu bilden, und auszubreiten, welches mir zu einer Zeit, da ich mir ein Publikum von verfeinertem Geschmack erwerben möchte, keine geringe Aufmunterung für mich ist.
Beruhige also meine Freunde über den Zwischenstillstand, den mein Schiksal schien genommen zu haben – weil man, um sich Bekanntschaft zu erwerben – bey der ädlern Klasse von Menschen sich mehr leidend und ruhig, als unzeitig wirksam verhalten muß. Herr Baron v. Maltiz hat mich bey der Garde anzubringen versprochen, wo eine Kadettenschule – für meine Kenntnisse eben so viel Uebung verspricht, als der Dienst selbst für meine Gymnastik und die Gesundheit meines Körpers. Ich hoffe also endlich
mentem sanam in corpore sano
zu erhalten, welches Hn. Pastor Oldekopp zu sagen bitte. Dabey aber von Herzen wünschte – u. s. f. daß mir einmal ein einfältiger Dienst geleistet würde.
Dank also mit mir der Vorsicht für die Gnade der besten Fürstin, die wenn sie gleich so unendlich über mich erhaben ist
sich in den Flüssen mahlt, die sie
mit Glanz erfüllt
Sksp.
und hilf mir bethen, daß meine Führung derselben nicht ganz unwürdig sey. Uebrigens wünsche Deinem und Hr. Past. Oldekopps Garten bey herannahenden Frühling noch mehr Reiz für Euren Geschmack als der Häuserbau geben konnte, wider den ich sonst nichts habe, als daß er ein wenig steinern ist – und diese Eigenschaften auch unserm Zutrauen mittheilt. Indessen „ein jeder bey seinem Geschmack“ wird wol auch ein deutsches Sprichwort bleiben, und so bin ich aus Geschmack
Dein
treuer Bruder
JMR Lenz
10ten Apr 81.

Provenienz

Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 24.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, St. Petersburg, an Friedrich David Lenz, Dorpat [Tartu], 10.04.1781, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/349/]