Moskau, 1789

Jakob Michael Reinhold Lenz an Graf Friedrich von Anhalt (⁠ ⁠St. Petersburg⁠ ⁠)
An den Fürsten, Graf Anhalt, damals General-Gouv. von Moskwa
Durchlauchtigster Fürst und Herr!
Ew. Hochgräflichen Durchlaucht fürchte beschwerlich zu werden wenn statt der ferneren Uebersetzung an welcher in der Stille arbeite, die aber wie die alten Chroniken der Israeliten, wegen unrechten Verstandes der wahren Absicht des Verfassers, der durch mehr als eine Sündfluth vertilgte Geschlechter von Menschen besang, noch viel Aufhaltungen findet, Höchstdenenselben einige im Gouvernement überreichte Bittschriften anders als Auszugsweise unterthänigst mittheilte
Vielleicht übernimmt mein Freund, Höchstderoselben getreuer Diener und Bevollmächtigter eine Mühe, für welche meine Kräfte zur Entschädigung nicht hinreichen. Es war die Rede von Errichtung neuer Bankcomptoire ausser den 2 in den Hauptstädten und den bekannten sieben in Jaroslaff Smolensk Welikoustjoug Nischnowgrod Wischneiwolotschok und Tobolsk, zu besserer Cirkulation der innren Reichthümer und Handels. Die Baltischen Provinzen z. B. schütten ihre Produkte in den Seehäfen auf, wo sie verderben, sie holen mit schweren Kosten die ihnen nöthigen ausländischen Waaren von dort ab, da sie vieles auf der Verkettung von 5 Flüssen über Moskau als einem Wolok oder Depositohandelsort von den südlichen Provinzen viel wohlfeiler haben könnten, wohin sogar einige Manufakturmaterialien besonders zu Strümpfen leichten Zeugern (die sie doch von russischen Kaufleuten nehmen, aber durch einen gewaltigen Umweg wodurch sie ihren Vorteil und die Manufakturen ihre Procente verlieren. Ich unterstand mich vorzuschlagen, daß anstatt des unfruchtbaren Ankaufs von Ländereyen, die unwirthbar sind und wo der Reichthum nur in der Möglichkeit liegt, daher zum todten Capital wird, sie ihre Produkte an einem von Ihro Kais. Majestät vorgeschlagenen Ort anführen und die Art des Handels damit der Krone überlassen möchten. Selbige würde eigene Comptoirs und Consuls für diese Cirkulationsbank einheimischer Waare bestellen, welche aus derselben gegen gehörige Bürgschaft der Staatsmagistrate der übermässigen Anzahl auf fremden Namen handelnden Mestschanianen kleine Summen vorstreken würde, die erforderlichen Handelsbedürfnisse auf den Flüssen herbeyzuschaffen.
Doch ich hoffe diesen Aufsatz Ew. Hochgräflichen Erlaucht in deutscher Französischer und Russischer Sprache gedrukt zueignen zu können.
Ein anderer Aufsatz betraf die nöthigen Maurerarbeiten bey denen hiesigen Baukommissionen der hohen Krone und deren Repartition unter die hiesigen Mestschaninen deren Anzahl nicht allein in den Haupt- sondern auch in den kleinen Städten die der Kaufleute und des Adels so unendlich übersteigt, als nach des Baron Pöllnitz Briefe die der Bedienten in Paris und London die der Herrschaften. Ich that aus Allerhöchst kaiserlichen Ukasen, die Herr Tschulkoff in seiner fürtrefflichen Handelsgeschichte gesammlet, dar daß die vornehmsten Handelszweige Rußlands Potasche und Theer (für die Marine) seit 1737 einen so merklichen Abfall erlitten, daß es bey der erstaunlichen Menge von Aufwand des Holzes nicht allein zu Branntwein sondern allen möglichen Sawoden, nicht allein zum Schiffbau auf Meeren und Flüssen, sondern auch zu unaufhörlicher Versplitterung und Vergeudung durch die überzähligen Zimmerleute, die ein Haus auf 2 Monathe bauen, zu geschweigen daß alle kleine Städte und Dörfer keine andere Handwerker kennen als die durch Holz ihren Unterhalt gewinnen – unbegreiflich wäre daß Potasche und Theer überhaupt noch fabrizirt wird; wie denn wirklich, wo sonst 2495 Tonnen zu 30 Pud ausgeführt wurden, itzt 100 verkauft werden, welches im ganzen genommen erstaunende Summen macht.
Ich schlug vor, daß Innungen der Maurer, nach Art der Feuergesellschaften in London errichtet werden möchten, wo die Mestschanianen und die Kaufleute mit denen sie sich assoziiren oder auf ihren Namen Handeln, eine Anzahl Ziegeln zu brennen und längst der Moskwa, Kliasma und andern kleinen Flüssen Ziegelhütten zu errichten, sich anheischig machten, wogegen die Krone anstatt ihnen als Tagelöhnern Arbeiten zu verdingen, ihnen eine Anzahl Ziegeln zu eignen kleinen Häusern versicherte. Da die Halljahre schon im alten Testament vorkommen, so würde die allerhöchste Käiserliche Huld und Milde vielleicht schwerere Arbeiten als Einfassung der Kanäle, Verbesserung der Stadtwälle u. s. f. denen Gefangenen überlassen, welche mit denen Maurerinnungen nicht vermischt werden dürfen.
Alle diese Einrichtungen aber bedürfen der Unterstützung und des freywilligen Beytritts des Adels, zu welchen es wagte Se. Erlaucht den G. Gouverneur und den Sohn des verewigten Oberkammerherrn Scheremetjeff aufzufodern. Die Einrichtung neuer Universitäten würde wahrscheinlich verschiedene verstekte Genies aus den Klöstern oder befestigten Pastorathen in den Sommergarten herbeyziehn, wenn Ihro Kaiserl. Majestät die Stadt Moskau ihrer unterthänigsten Bitte gewährte, zur Errichtung einer vermittelnden Akademie der Sprachen fernerhin Allerhöchstderoselbe huldreichste Einwilligung und Vermittlung fortzusetzen. Peter der Grosse eröfnete die St. Petersburgische Akademie mit einem Anatomischen Theater in der Nachbarschaft des Sommergartens, ein Chemisches Theater aber würde in einem Staat wie Rußland mit einer Umwendung der Hand einer Selbsterhalterin so weit gestrekter Provinzen Millionen verschobene Haushaltungen und Küchen weit schneller in Ordnung bringen, als alle Reden die der bekannte Menenius Agrippa an das unruhige Volk über die Unentbehrlichkeit des Magens hielt. Dem Sommergarten fehlten einige Optische Vergnügungen, zu welchen hier fleissige Künstler die Fülle sind, welche Allerhöchst dieselben schon zu Ausmahlung von Klöstern und Kirchen bestellt hatten, vielleicht würde ein Magazin des bisherigen Geschmaks der Malerey in Rußland in der Nähe, eine Menge Künstler mehr aufmuntern, uns mit der Zeit bey dem Mangel an Volkspromenaden Brüken oder Gärten nach Art der in Luzem zu liefern, wo ganze Lebensgeschichten von Heiligen vorkommen und Priester und Mönche zu Ciceronen und Auslegern für Fremde und der Landesgeschichte Unkundige dienen.
Die Hauptsache aber wäre ein neuer Abdruk sowohl in deutscher als Russischer Sprache der bisherigen im Reich eingeführten Ostrogoschkischen Bibeln, wo Lesearten, Druk, Phrasen in beyden zu verbessern oder wenigstens durch Erklärungen in besseres Licht für die Einfalt zu setzen wären, da mehr als eine tägliche Erfahrung uns von den traurigen Folgen dieser Mißdeutungen und Mißverständnisse überführt, besonders wenn es in die Prophetischen Bücher geht. Die Bakonen in unsern Klöstern wissen dieses so gut als wir aber sie haben das Herz nicht hervorzutreten, und ziehn sich vor einer unbesonnenen Menge immer wieder hinter ihre Schanzkörbe und Bilder zurük, welches die ersten (aber nicht zulänglichen Waffen) gegen die alte Emblematische Sprache waren, die aus Phrygien zu uns kam, und welches eigentlich die Ur- oder Grundsprache aller Europäischen Staaten ist, die durch die Gallen (Priester der Cybele) und Feinde der Priester des Bachus Sobi Sobachi am schwarzen Meer und in Italien, wo sie Sabini, Latini, Antiates hiessen überall verbreitet wurde, welches selbst das Wort φρησκεῦειν Götzendienen und φρυóν ein Feigenblatt anzeigt, denn alle diese Emblemen sind so alt als der wahre Gottesdienst, es waren verschobne Nachbildungen der ersten Hieroglyfe der Sprache die damals noch nicht articulirt wurde, von der verbotnen Frucht, daher auch im neuen Testament der Erlöser den Feigenbaum verfluchte.
Ein Götze heißt noch im Lateinischen ficulus Deus und alle Platte Sprachen patois haben übereinstimmende Worte, die anfangs sehr rauh und unison waren, weil sie nicht articulirt wurden und stillschweigen und handeln, oder zaubern, das erste Gesetz der Druiden in Egypten, Tyrien, Carthago, Phrygien, ja auch hernach in Italien und Griechenland ward, wo dennoch die Theater welche in den Gottesdienst aufgenommen wurden und wo man wagte (welches damals sehr kühn war) zwei und mehr redende, artikulirt sprechende Personen aufzustellen, noch eine Erleichterung verschafften. Daher hat der ganze Orient soviele Stumme, besonders an denen Höfen des Fürsten und der Oberpriester oder Muftis und Lamas.
Ich that dar daß die Bezeichnungen des Teufels oder bösen principii in den mehresten Sprachen vom Zaubern oder der Alt emblematischen Phrygischen Sprache abgeleitet worden, als tscharowat (чаровать) im altceltischen und Neu oder Hoch- (das ist Goth Slavisch гоөъ Teutschen) wovon auch Hofteutsch kommt, zaubern, zaabern, im Russischen tsort, tshart, чертъ Teuffel, vom Griechischen διαβαλλω, ich zaubere, verleumde unterjoche, wovon diabolus ein Wiedersacher, Verläumder, Feind und das Hofteutsche Tiefel, Teuffel, Satan, griechisch σαταν, in den wilden Sprachen шайтанъ, Schaitan vom Griechischen εὰζω ich unterjoche, mache zum Sklaven, bezaubre Sogar das Lettische oder Litthauische (denn es waren Phrygier die sich am Meerufer niederließen, das littus heißt) Kurrad vom Griechischen κορουιὰω, ich bestreite, unterwerfe bezwinge im Russischen покорять pocorat unterjochen, wovon pocornoi unterworfen, herkommt und κορоνή eine Erhebung der Spitze, daher auch die alten Slawen nichts von Kronen wissen wollten und lieber вѣнецъ Wenez Kranz brauchten, wie aus dem alten Namen von Kronstadt erhellet, das венецъ земли wenez semli, der Kranz, das Äusserste des Russischen Reichs hieß. Von diesem pocorat, kam kurit räuchern, weil wahrscheinlich die Christen die heydnischen Zaubereyen abzuwenden, räucherten, auch mögen die Heyden geräuchert haben, denn Curland und Semigallien oder das Land der Gallen, der Phrygischen Priester war eins und es ist aus dem Livius bekannt, wie fürchterlich der Einfall dieser alten Gallen in Italien und Rom war. Sie überschwemmten alle Länder und Küsten wie wir aus den Namen portus gallorum Galiccien, den vielen Wallis, Cornugallia, Semigallia u. s. f. sehen: vuehen heißt fürchten, Englisch fear, Furcht, in der mehr articulirten Lateinischen Aussprache der Bachuspriester oder Sabiner und Sobier, Sabaer, pavor, wovon das Russische Боятся ехpаvеr scére und von diesem der Name Богъ Gott kommt der sich vor diesen Phrygischen Zaubereyen fürchtete. Das deutsche oder guthisehe Gott aber kommt von Hüten, im Esthnischen (denn die Aesthii nach dem Tacitus kamen auch aus der Gegend des schwarzen Meers) hoja, behueten, Huet in der Schweitzer mundart, in der Holländischen oder Niederteutschen good, denn goold Gold heißt auch Gut und im Hofteutschen Gott der vor den Zaubereyen behütete, beschirmte, wovon auch das altdeutsche Hort, welches der Slawe, der alles mit der Kehle ausdrükt nachbethete choronit, chranit, хранить oder auch оборонить oboronit, wovon oborona, welches auch einen schattenden Fichtenbaum anzeigt, daher branny bor ein schützender Fichtenwald hieß.
Es ist bekannt, daß unbekannte Wohlthäter zu einem wohlfeilem Abdruk des Cansteinschen Bibelwerks 1200 Rth. beytrugen, die vielen Staatsausgaben lassen dieses in Rußland nicht hoffen, aber wir haben eine unnütze Gloke, mit einer steinernen Einfassung aus welcher fast ohne alle Kosten eine Schmelzofen zu machen und das in der Glokenspeise befindliche Metall, z. B. wenn es Zinn, durch einen Zusatz von Bley, Gold durch einige Flüsse u. s. w. aufzulösen wäre, wenn die Gnade unsrer huldreichsten Monarchin zu einer stehenden Presse denen beyden Brüdern Nowakow, die sich durch Beförderung sovieler Uebersetzungen und Schriften um Rußland verdient gemacht diese Gloke zu bewilligen geruhte, um sich ein ewiges Denkmal in den Herzen aller ihrer Unterthanen, besonders der Armen, in den Nonnal und Landschulen u. s. f. zu stiften. Die Hallischen Bibeln wurden ungefahr zu 45 Cop. das alte und 12 Cop. das neue Testament verkauft und eine grosse Menge weggeschenkt. Diese Operation, wie das ganze Bibelwerk könnte einige Assembléen des edelsten Teils der Nation im Sommergarten veranlassen nach Art derer, die der berühmte Marchese Beccaria in Mayland stiftete, als er aus Rußland zurükkam, und von welcher, zu der Zeit als ich in der Nachbarschaft beim Minister Ulyß von Salis mich aufhielt, ein Wochenblatt unter dem Titel il Caffé herauskam, besonders staatswirtschaftlichen Inhaltes.
Es würden vielleicht für die jungen Großfürsten kleine Stuffen in das Palais abgeliefert werden um in Treibscherben und dazu errichteten Probieröfen Versuche im kleinen zu machen, wie man Metall reduciren soll, an welchen die hiesigen Adelichen Eleves des fast eingegangnen Gardendepots Theil nehmen würden. Wenn die drey Buchhändler von Moskau die v. Nowikoffs, Rüdiger, Bibel, denen eine Rathsherrn Würde gebührte, aufgemuntert würden, einige Bücher dazu zu thun, wie auch Herr Hofrath Schade eine fürtreffliche Büchersammlung in der Nähe hat, ausgenommen der grossen Archivbibliothek, würde diese Unterhaltung der Erziehung im ganzen Reich ein besser Ansehen geben und die 40 Professoren der Universität auch von vielem Schulstaube befreyn u. s. f.
in tiefster Unterthänigkeit J. M. R. Lenz

Provenienz

Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 36.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Moskau, an Graf Friedrich von Anhalt, St. Petersburg, 1789, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/362/]