Moskau, um 1789

Jakob Michael Reinhold Lenz an Karl Iwanowitsch Burner (⁠ ⁠Moskau⁠ ⁠)
Moskau → Moskau

Randnotiz S. 1

Ueberbringer dieses möchte gern Ihre Kirche besehen, auch wohl wenn Herrn Bergwitz ihn seiner Schwester empfelen will mit jungen Herrn in Dienste treten, ist aber seines Gewerks ein Schneider, wenn er schon auch frisirt und vielleicht auf Kundschaft spekuliert. Wenn Sie ihm erlauben wollen mit Ihrem надзиратель oder Aufseher der Knaben die Kirche (die aber keinen Lehrstul hat) zu besehen würde dieses als einen Beweis Ihrer noch nicht erloschenen Freundschaft für mich ansehen.
Man verwirrt in Moskau immer den Grafen Münnich der den Ladogaschen Canal anlegte und dessen Sohn im Conseil des berühmten Cadetten corpus ist, das meines Erachtens in unsenn Jahrhundert ein andres Gesicht macht als da Peter erst kürzlich Militärschulen einzurichten anfieng mit den Anstalten des hiesigen Gouvernements auch für öffentliche und die Erziehung des Adels an verschiedenen Plätzen, besonders zur Bildung des Mittelstands für welchen unser house of commons oder Unterhaus bereits lang fertig ist, aber einer Kanzel ermangelt, wo auch adliche Kinder bisweilen anfahren und den Erziehungen könnten abgegeben werden. Es ist der Walm, als ob der Kanal zwischen dem Dnepr und der Düna würde durch junge Herrn und Fräulein oder ihre Schulmeister (wie man sie sich vorstellt) allein in Gang gebracht werden, welches eine Verblendung ist.
Dieselbige ist aber nicht sehr zu bewundern, da sich die Ausländer mit Wiederherstellung des Seidenhandels aus Persien durch Rußland, zu Aufname ihrer Manufakturen schmeicheln, welches von ihrem Betragen in Absicht der in Rußland zu treffenden neuen Einrichtungen des Bürgerstands und der häuslichen und geistlichen Baukunst abhangen wird. Denn diese glatten Herrn möchten so gern die Stupidität der alten Schaukeln und Rhegalen oder Rabbnischen Kogalen wieder einführen, wozu ihnen die Wagen und Vorfahren immer die Handhabe geben. Man soll Kinder fahen wie die Seelenverkäuffer u. s. f.
Es geht die Rede die Besitzer der Sawoden in Orenburg hätten sich einverstanden zur Erneuerung der Kirche in Troitzk nach dem Modell der in Jerusalem oder Woskresensk mit einer Kanzel eine Steuer zusammenzulegen weil die meisten dieser Sawoden Bauren haben die auf Namen von Klöstern in Moskau zu den Arbeiten eingeschrieben sind. Auch würden alsdenn wohl Lieferungen an Tüchern für die Troitzischen Garnisonregimenter geschehen.
Die Hauptsache wird wohl die Errichtung einer Bibliothek in Troitz seyn zu der Herr v. Nowacoff die deutschen und englischen Buchhändler, vielleicht auch Privatgelehrte wie Herr Hofr. Schade zusammenstehen sollten.
Beilage ist etwas aus den Heften die zur Vorbereitung einer Poliglotte aus alten Völkergeschichten dient durch welche eine Sprache durchs ganze Reich, insofern diese aus den ersten Wurzeln so leicht gemacht wird, daß sie auch den Fremden durch Umgang und gegenseitigen Umgang erleichtert würde, wozu ein Klavier statt des A B C von 36 Consonanten mit 5 Consonanten jeder Sprache dient, die wie Klaviernoten anstatt der Halbthöne mit den Vokalen gespielt, das Wort darstellen – am Ende zu hoffen ist. Wie lernen Kinder ihre Muttersprache? Würden Kinder mehrerer Sprachen vermischt, so lernen sie sie ohne zu wissen, wie? Besonders wenn wir kleine Handpressen bekommen (aber ohne Druk) die das Auge an Unterscheidung der Buchstaben spielend gewöhnen.
Haben Sie von Ihrem Herrn Sohn aus Kinburn keine Nachricht? Sollten unsre Benennungen aus heidnischen Zeiten, die dem Volk soviel wunderliche Ideen in den Kopf bringen, nicht abzuändern seyn? Es heißt ja: ärgert dich das Auge u. s. f. Ich unterschreibe mich gern Linz oder Lunz nur damit man bey meinem Namen nichts als meine Person denkt und auf keine albernen Nebenbegriffe kommt.
Verzeyhn Sie mein kühnes Gewäsche, dem Verlangen Sie selbst einmal persöhnlich hier zu umarmen um dem neuen Bibelwerk beizustehen und eine Kanzel zu Catechisationen oder kurzen Volksreden unsern jungen Candidaten nach Art der in Seikonospaß einrichten zu helfen. Diese würden auch vielleicht wöchentlich dejourweise bei der Frau E. wohnen und abgeholt werden können.
Ihr aufrichtig ergebenster JMRlands.
Außenseite des zum Umschlag gefalteten Bogens:
Herrn Burner
bey den Bezkischen Anstalten
zur Erziehung des Mittelstandes
zu treuen Händen
Господину моему Пурнеръ въ домѣ покойнаго штатскаго совѣтника Демидова для учрежденія коммерчеськаго состоянïя при главномъ надзирателe съ дома

Provenienz

Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 31. Lenz schickt seine Sprachenklaviatur mit, vgl. Moskauer Schriften, Band 1, S. 527f.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Moskau, an Karl Iwanowitsch Burner, Moskau, um 1789, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/366/]