Moskau, wahrscheinlich November 1790

Jakob Michael Reinhold Lenz an Christian David Lenz (⁠ ⁠Riga⁠ ⁠)
Theurester mit unsterblichem Ruhm
von oben geschmükter verehrungswerther Papa!
Nicht Schmeichelei, die reinste Dankbarkeit beseelt meine Feder. Ich lebe – aber Ihnen die Wahrheit zu sagen, danke es nur dem allgegenwärtigen, daß ich noch athme – Herr Reimmann kann Ihnen sagen daß ich – doch er wußte es nicht – in der seltsamsten Lage von der Welt war, als ich Ihren Brief mit dem neuen Beweis Ihres Andenkens erhielt.
Man verfolgt mich – und rathen Sie wer? – Ich habe niemals die Freundschaft verletzt die ich meinen frühsten Gönnern schuldig war. Aber – theurester Vater! ich winde mich als ein Wurm im Staube und flehe um Erlösung von allen andern Anmuthungen, die bei dem seltsamen Nazionalcharakter hier – mir Gift werden.
Ich habe gefehlt, 1000mal gefehlt. Am meisten in Liefland – gegen Sie, gegen meinen ältesten Bruder der ungefähr mein Herz kannte und viel in demselben voraus las. Ein hiesiger Freund hat alle meine Briefschaften wer weiß ob nicht aus einem unzeitigen Eiffer verbrannt weil er merkte daß sie mich angriffen. Was ich davon bisweilen rette – ist mir Balsam in offne Seelenwunden – denn ich sehe nun erst spät hinterher, daß Sie mein Herz besser kannten als ich selber.
Nein, ich war nicht für Liefland gemacht und mein zärtlich geliebter Bruder Carl wird vielleicht eine neue Springfeder des Daseyns erhalten, wenn er alle Ansprüche die Liefland auf mich machen konnte, durch sein Daseyn vernichtet. Er weiß in welchem Zustande ich war als ich durch Liefland reisete.
Hier ist das Land der heftigen Aeusserungen der Empfindungen und eines seltsamen Systems von Jurisprudenz das auf dieselben gebaut ist. Von der Seite also konnte man mir aus Liefland unaussprechlich schaden – und leider! es ist bisweilen hart genug geschehen. Denn man spricht mir meinen Taufschein ab.
Ich lebe noch, allein bitte meine theure Verwandte und ihre holländischen und Englischen Korrespondenten zu bedenken daß ich ein Mensch war, der fehlen konnte und tausendmal gefehlt hat. Herr Bergmann, Herr Lavater, Herr Staatsrath Schwebs, Herr Kammerjunker Libhardt werden dis nimmer in Abrede seyn. Ich wollt in Liefland bleiben. Nun hat Gott es anders gewollt.– Und soll ich darunter ewig leiden? Und glauben meine lieben Landsleute daß ich Ihnen von hier aus niemals Dienste leisten kann oder sie Maaßregeln nehmen müssen mich dazu zu zwingen, was ich von selbst time. Ich kenne ungefähr den Zustand des dasigen auswärtigen und innländischen Handels. Ich weiß wie die hiesigen Bedürfnisse auf die dasigen passen – aber um deswillen der für alle Sünden genug gethan – keine Auslegungen weiter. Mit einem Wort – ich kann aus Liefland nicht heurathen.
Helfen Sie mir bethen, theurester Vater! und alle Schimären weg und ins Fegfeuer bethen, die das Verhältniß in welchem ich mit Ihnen meinen theuren Verwandten Freunden u. s. f. stehe, zerstören, trübe und zu einem wahren Sklaven Joch machen. Herr Oldekopp Herr Hehn, Moritz u. wie alle die gelehrten Namen heissen, werden in meiner Achtung und Freundschaft dabei nichts verlieren, wenn auch kein einziges Consistoriale bei uns unterläuft.
Helfen Sie mir bethen um Befreiung nicht für mich allein sondern für Christen – Christen wie Sie und völlig in der Stimmung als ich, die mit mir unaussprechlich leiden.
Herr Eisen hat seine getrokneten diken Suppen für Gegenden wo wenig gekocht wird und Kräuter für die Küche nicht wachsen, nicht an den Mann bringen. Für einen solchen Schokoladenhandel weiß ich hier Absatz. Imgleichen für Liefländische Butter, Fische, Lächse, Butten, Austern Säfte mit Honig u. Zuker gekocht u. s. f. Ihnen fehlen allerley Russische Manufakturen, an wohlfeilen Cattunen Indiennen, gedruckte Leinwand u. s. f. Damaste, Zeuger die man bis ans schwarze und Caspische Meer herab in allen Städten im Ueberfluß fabrizirt; Kumatsch genannt. Sie haben einige feine Liqueurs, Bücher, Moden aus England Hamburg Frankreich – sollte eine Bank für Liefland in Moskau, um derentwillen in Petersb. Anregung gethan, nicht zum fasten, denn die Fasten sind aufgehoben– sondern eine Cirkulationsbank für Waare gegen Waare, in welcher von beiden Teilen Geld nieder legt wird – eine Schimäre seyn. Doch genug Dero gehor. Sohn
Jacob R. M. Lenz

Provenienz

Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 27.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Moskau, an Christian David Lenz, Riga, wahrscheinlich November 1790, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/370/]