Straßburg, Ende September 1775

Jakob Michael Reinhold Lenz an Johann Caspar Lavater (⁠ ⁠Zürich⁠ ⁠)
Ihr wollt die Wolken Wiel. zuschicken. Lieben Freunde, wo ist euer Verstand, wo ist eure Freundschaft für mich? Was hab ich mit W. zu schaffen! Kennt ihr die süßlächelnde Schlange mit all ihren Krümmungen noch nicht. Unsere Feindschaft ist so ewig als die Feindschaft des Wassers und Feuers, des Tods und des Lebens, des Himmels und der Hölle. Und ihn zu bekehren – wäre Lästerung. Ihn durch dies Stück bekehren wollen – Freunde ich fahre aus der Haut. Alle seine Absichten befördern, sagt, und mich zerhauen, im Mörser zusammen stossen. Schreib ich denn das Stück für mich? Oder hab ich hier mit W. dem Menschen, nicht mit Wiel. dem Schriftsteller zu thun? Thu ich mir nicht den grösten Schaden th damit? Und jetzt W. in die Hände geben, damit er frohlocken kann über mich? Und das meine eignen Freunde.
Jeder Autor hat ein Recht auf das was er geschrieben. Ich bitte euch also mirs zurückzuschicken und mich meinem Schicksal zu überlassen.
Ich schreibe dies mit dem kältsten Blut und der gelassensten Ueberlegtheit von der Welt.
Lenz
verte
Wieland der Mensch wird einst mein Freund werden – aber Wieland der Schriftsteller, das heißt der Philosoph der Sokrates – nie. –
Schickst Dus aber ihm so ist es seyn sein und euer aller Verderben.
# Mit einer Welt Dukaten kannst Du mir dies Stück nicht abkauffen
# # Wenn ist mir selbst noch unbekannt.
Lieber, laß uns doch nicht alle unsere Köpfe über einen Leisten schlagen wollen. Gott hätte sonst nur einen Menschen auf dem ganzen Erdboden schaffen müssen
Ich seegne euer Projekt und bin voll Erwartungen.
Lavater erster aller Knechte Gottes, wenn Du noch Freundschaft für mich hast, so schweig schweig ewiges tiefes Stillschweigen von den Wolken und leg’ dies auch Passavanten auf. Er ist ein guter Junge, unser aller Freundschaft leidt hiedurch kein Haar, gewinnt – aber ich kann, will und werde die Wolken drucken lassen # # und begehre sie hiemit zurück. # Nicht aus meiner Authorität, sondern aus einer höheren.
Was Du von den Individuen sagst, ist vortreflich, aber paßt nimmer und in Ewigkeit auf Wieland, nimmer und in Ewigkeit auf diesen Fall. Ich hab hier eben grad mit keinem einzigen Individuum auf der ganzen Welt zu thun, sondern mit dem Ganzen das mir am Herzen liegt.
Außenseite des zum Umschlag gefalteten Bogens:
Herrn
Herrn J. C. Lavater
Pfarrer am Waysenhause
zu Zürich.

Provenienz

Zürich, Zentralbibliothek, RP 20, Nr. 15. Auf dem Umschlag handschriftlicher Vermerk „franco Basle“; Stempel „PPAYE STRAS“; handschriftlich unsicher „5“; rotes Siegel: Greif mit Anker.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Straßburg, an Johann Caspar Lavater, Zürich, Ende September 1775, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/72/]