Straßburg, 18. November 1775

Jakob Michael Reinhold Lenz an Johann Gottfried von Herder (⁠ ⁠Bückeburg⁠ ⁠)
Gieb mir den gemißbrauchten Namen Gottes zurück Herder! mein böser Genius hieß mich das schreiben
Die Soldaten können noch nicht gedruckt werden. Erröthen muß ich freilich über den Unverstand meines letzten Briefes. Gott wo war ich, als ich ihn schrieb.
Mache Dir keine Gedanken über die Ebbe und Fluth meines Entschlusses. Es sind lauter Lokalverhältnisse die mich so peinigen. Die aber aufhören werden. Ein Poet ist das unglücklichste Wesen unter der Sonnen.
Grüsse Deine Frau. Sollte ich von hier reisen oder sollte es einst Zeit seyn das grosse Trauerspiel aufzudecken, so werd’ ich Dir vorher schreiben. Bis dahin muß ich noch stumm die Zähne zusammenbeissen und die Leiden meines Volks in meinem verborgensten Herzen wüthen lassen.
Strasburg d 18ten Nvbr. 1775.
Lenz.
Außenseite des zum Umschlag gefalteten Bogens:
Herrn
Herrn Herder
Consistorialrath
in Bückeburg.

Provenienz

Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv, GSA 44/69, Bl. 6–7. Auf dem Umschlag handschriftlicher Vermerk „franco Rheinhausen“; Stempel: „STRASBOURG“; handschriftlich „8“; rotes Siegel.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Straßburg, an Johann Gottfried von Herder, Bückeburg, 18.11.1775, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/81/]