Weimar, wahrscheinlich Mitte Mai 1776 [vor dem 27. Mai]

Jakob Michael Reinhold Lenz an Johann Georg Zimmermann (⁠ ⁠Hannover⁠ ⁠)
Hier ist Lindaus Schwanengesang, den er sehr gern an Washington oder D. Franklin möchte gelangen lassen. Wie ist mir selber unbegreiflich Vielleicht wissen Sie Auswege. Den Colonisten kann ein solch Produckt nicht anders als lieb seyn. Und Sie mein Freund, sind Freund der Freyheiten nur daß es nicht in unrechte Hände falle.
Bode geht eben durch nach Frankreichfurt und weiter. Herder und Stolberg sind noch nicht da, letzter wird den Sommer noch bey seinen Schwestern zubringen.
Bey einer alten Tante auf dem Lande
Wo ich gehorsam im Geduld mit Tränen
Und meinem Väterlichen Erb bezalen mußte
Das sie verwaltete, wo keine Lust
Auch nicht in Bäum und Blumen für mich blühte
Weil überall mich Furcht begleitete.
Und meine Seele die sich unaussprechlich
Nach Menschen sehnte, nur von Heiligen
Umgeben war die meine Schritte zählten
Und Worte und Gebehrden folterten.
Da kam er hin da sah da liebt er mich
Da hatt ich auf der Stell nur ihn nur ihn –
Ach wie viel Freuden hat er mir gemacht
Und wie viel Leid, wie fühlt ich mich so anders
So groß so herrlich da, so wohl so göttlich,
Daß unter meinen Füssen oft die Erde
Zu sinken schien, wo ich an seinem Arm hing
Und ich wie unter Stromen schwebte. Alles
War – um meinetwillen da, der Wald die Wiese
Auf die ich mich ehmals kaum zu treten traute
War nur für mich geschaffen und die Blumen
Bey Vor denen ich wie vor dem Herrn vom Hause
Sonst ehrfurchtsvoll vorbey schlich schienen nun
Nur drauf zu harren daß mein Fuß daß mein Fuß sie knickte
– wie bald theilt ich ihr Schicksal

Provenienz

Riga, Latvijas Akadēmiskā Bibliotekā, Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 9. Entwurf zu Ms. 1113, F. 25, V. 31, Nr. 15, Ende Mai 1776. Auf der zweiten Seite Entwurf aus „Catharina von Siena“. Das beigelegte Gedicht von Lindau nicht ermittelt.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Weimar, an Johann Georg Zimmermann, Hannover, wahrscheinlich Mitte Mai 1776 [vor dem 27. Mai], in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/186/]