Weimar, 29. oder 30. November 1776

Jakob Michael Reinhold Lenz an Johann Gottfried von Herder (⁠ ⁠Weimar⁠ ⁠)
Weimar → Weimar
Es freut mich bester Herder! daß ich eine Gelegenheit finde Abschied von Dir zu nehmen. Freilich traurig genug, kaum gesehen und gesprochen, ausgestossen aus dem Himmel als ein Landläuffer, Rebell, Pasquillant. Und doch waren zwo Stellen in diesem Pasquill die Goethe sehr gefallen haben würden, darum schickt ichs Dir. Wie lange werdt ihr noch an Form und Namen hängen
Ich gehe sobald man mich fort winkt, in den Tod aber nicht, sobald man mich herausdrücken will. Hätt’ ich nur Goethens Winke eher verstanden. Sag ihm das.
Wie soll ich Dir danken für Deine Vorsprache beym Herzog. Er wird mein Herr immer bleiben, wo ich auch sey, ohne Ordres und Ukasen. Wollte Gott ein Schatten von mir bliebe in seinem Gedächtniß, wie Er und sein ganzes leutseeliges Wesen nimmer aus dem meinigen verschwinden wird. Ich weiß diese Versicherung ist ihm lieber als ein Danksagungsschreiben. Wolltest Du ihn mündlich bitten mir huldreichst zu verzeihen, daß ich seine Bücher solange gehabt und gebraucht und daß ich die Dreistigkeit habe ihn unterthänigst nur um einen Aufschub von einem Tage zu bitten – ich will gleich eine Supplique beylegen – um in dem einem aus dem Archiv die grossen Züge seines eigenen Karakters in denen seines grossen Ahnherrn Bernhard zu Ende studiren zu können.
Schick doch diesen Brief sogleich ihm hin, ich flehe, der vorige hat
evtl. dazugehöriger Briefumschlag, in dem das erwähnte Pasquill enthalten gewesen sein könnte, GSA 44/69, Bl. 25:
Meinem ehrwürdigsten Freunde Herder dieses einzigexistirende Manuskript zu seiner willkührlichen Disposition.
Von einem armen Reisenden der sonst nichts zu geben hat.

Provenienz

Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv, GSA 44/69, Bl. 20–21. Beilagen nicht ermittelt.

ZitationQuelle

Jakob Michael Reinhold Lenz, Weimar, an Johann Gottfried von Herder, Weimar, 29. oder 30. November 1776, in: Jakob Michael Reinhold Lenz: Kritische Briefausgabe, hrsg. v. Gregor Babelotzky (Heidelberg 2026ff). [https://lenz-briefe.de/briefe/260/]